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Groben Turismo S.R.L. | Reisen zu den Ursprüngen.

Cusco – Nabel der Welt?

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Marco Alhelm

“Qosqo Hatun Llaqta, Napaycuykin”

Oh Cusco, große Stadt ich grüße Dich!


Abb. 01: Historische Zeichnung der ehemaligen Inkametropole aus dem Jahre 1673 (Kupferstich in Dappers „America“)
Das unscheinbare Quechua-Wörtchen Cusco¹ hat wie kaum ein anderes Wort unter linguistischen Torturen gelitten. Dieser konzise Aufsatz zeigt einige Aspekte bezüglich der variantenreichen Vorschläge in Bezug auf die Bedeutung und Übersetzung des Namens Cusco auf. In nahezu sämtlichen Werken, die sich des Themas Alt-Peru angenommen haben, taucht die Übersetzung dieser Vokabel mit „Nabel, Mitte oder Zentrum der Welt“ auf, im Sinne von „Axis Mundi“, so, als wäre diese Interpretation ein gesichertes Faktum.

Dabei sollte man sich stets in Erinnerung rufen, daß diese Übersetzung alleinig auf der fragwürdigen Aussage eines einzigen Chronisten der Conquista beruht: Garcilaso De la Vega, welcher im frühen XVII Jahrhundert seine >Comentarios reales de los Incas< veröffentlichte. Seine Interpretation wurde kritiklos von den Spaniern übernommen, und so ist sie bis auf den heutigen Tag in beinahe alle Elaborate über das alte Tahuantinsuyo eingegangen.

Ich möchte mit diesen Zeilen darauf aufmerksam machen, daß Garcilasos Übersetzung nicht die einzige, sondern einfach nur die populärste und mitnichten korrekt ist. Denn es erscheinen bereits bei seinen Schreiberkollegen im XVI und XVII Jahrhundert weitere, und oftmals sinnvollere Übersetzungen.



Abb. 02: Aktuelle Panoramaansicht von Cusco. Aufgenommen von der oberhalb der Stadt gelegenen Ruinenanlage Sacsayhuamán
Der Chronist Juan de Santa Cruz Pachacuti Yamqui Salsamaygua (1616) präsentiert zwar keine Übersetzung. Er gibt aber die wertvolle Auskunft, daß die Stadt in früheren Zeiten andere Namen besaß: Cuscocasa, Rumi, Cusco Pampay, Cusco Cápac oder Cusco Inca. [1]

Nach Juan de Betanzos (1551) gab es noch nicht einmal Übersetzung des Wortes: „este nombre del Cozco no lo saben declarar“ („Diesen Namen Cusco wissen sie nicht zu übersetzen“) [2]

Fernando de Montesinos (1642) führt den Terminus Cusco auf das Verb „coscoani“ zurück, was mit „ebnen, abplatten“ zu übersetzen ist. [3]

Gemäß der Niederschriften der Chronisten Felipe Huaman Poma de Ayala (1615) und Martín de Murúa (1616) lautet der ursächliche Name der geschichtsträchtigen Stadt „Acamama²“. [4, 5] Die peruanische Historikerin Maria Rostworowskis hält hingegen das Toponym „Acamana“ für korrekt, das sie in in einem Dokument aus dem 16. Jhd. entdeckt hat.²

Berücksichtigt man die in Anmerkung 3 aufgeführten Verwandtschaften, ist es nicht abwegig anzunehmen, daß diese Bezeichnung die Abwandlung eines ursprünglich aus dem Aymara stammenden Begriffes ist, der dann im Laufe der Zeit ins Quechua Eingang fand, in einer Weise, wie es auch mit dem Worte Chacana (Das andine Kreuz) nachweislich geschehen ist³. Das mit „Acamama“ offensichtlich verwandte Aymara-Wort „Akhapana“ bedeutet nach Dr. Miranda-Luizaga4 „von hier aus nehmen“. Der zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Bolivien forschende Ingenieur und Altertumsforscher Arthur Posnansky präsentiert uns folgende Erklärungsversuche:

„Die Etymologie des Wortes Akapana kann in der antiken Aymáravokabel „Kchahuana“ gesucht werden, das zur Bezeichnung eines hochliegenden Punktes liegt und die Bedeutung hat: „von wo aus man sieht“. Dieses Wort in Verbindung mit dem Worte „Aka“, das ungefähr bedeutet: „hier an diesem Ort“, ergibt dann das ursprüngliche Kompositum „Aka-kchahuana“, das in „Akapana“ korrumpierte und also bedeutet: „Hier an diesem Ort, von wo aus man sieht.“


Abb. 03: Historische Fotografie aus der ersten Hälfte des 20. Jhd. (Aufnahme von Dr. Fritz Röck)

Und weiter:

„Eine andere Etymologie von Akapana, der auch eine gewisse Bedeutung zugemessen werden kann, leitet dasselbe aus den beiden Aymáraworten „hake“ und „Apana“ her. „Hake“ bedeutet „Mensch“ oder „Hakenaka“: „Leute“, und „Apana“ oder „Apaña“: „zugrunde gehen“ (vielleicht durch Wasser), also „Akapana“: „wo Menschen zugrunde gehen“. Da Akapana eine mächtige Festung gewesen ist, erscheint es begreiflich, dass zu Kriegszeiten Menschenmassen in dem sich an seinem Fuß hinziehenden Graben umkamen.“ [15]

Ein Versuch von mir, das Wort „Acamama“ aus dem Quechua zu übersetzen, stellte sich als vergebliche Mühe heraus, da allem Anschein nach die tatsächliche, alte Bedeutung in der Quechuavokabel verloren gegangen ist. Fürderhin ist es zweifelhaft, ob ursprünglich tatsächlich „Mama“ in dem Worte vorkam, und nicht eher das ältere Pana/Dana. Hier nun der Übersetzungsversuch:

Mama“ ist problemlos zu übersetzen; es hat dieselbe Bedeutung wie im Deutschen: Mutter. „Aca“ lässt sich zwar übersetzen, jedoch ergibt die Komposition mit „Mama“ keinen Sinn. So ist in einem Wörterbuche aus dem XVII Jahrhundert folgende Bedeutung des Wortes aufgeführt: Exkrement von Personen und Tieren, auch Mist. [7]

Diese Übersetzung findet sich sinngemäß auch in Band VII des profunden Werkes >Enciclopedia Incana< des peruanischen Historikers und Quechua-Kenners Rómulu Cúneo-Vidal. „Aca“ bedeute generell „Schmutz, Abschaum und Urin“, so Cúneo-Vidal, das Thema abschließend.


Abb. 04: Der legendäre Gründer des imperialen Cusco: Manco Capac (nach Felipe Huaman Poma de Ayala, 1615)
Mit diesen Informationen kämen frei übersetzt nachstehende Übersetzungen heraus: Schmutzige Mutter, Mutter-Exkrement, Mutter des Abschaums. Weitere Kombinationen sind sicher möglich, doch stellte keine eine adäquate Bezeichnung für die ehemalige Inkametropole Cusco dar.

Ich konstatiere daher eine Provenienz aus dem Aymara, denn die Übersetzung aus dieser Sprache ergibt durchaus Sinn. Die oben vorgestellten Varianten „Von hier aus nehmen oder sehen“ kann man fraglos auch frei interpretiert als „Zentrum, Mittelpunkt“ gelten lassen. Ein Ort (Stadt, Tempel, etc.), von wo aus man ein Reich überwacht. Und dies war Cusco/Acamama ja auch in alten Zeiten.

Kehren wir zurück zur anfänglich besprochenen Übersetzung von Garcilaso De la Vega: Nabel der Welt/Erde. Zunächst einmal sei festgehalten, dass „Nabel“ im Quechua nicht Cusco heißt, sondern „Pupu“. Eine Wortprägung für „Welt“ gibt es zwar im Runasimi. Aber diese hat gleichfalls nichts mit „Cusco“ gemeinsam, sondern lautet „Tepsimuyo“. Und das deutsche Wort „Erde“ bedeutet im Quechua „Pacha“.

Eine anregende Frage wäre auch, wann denn der Name „Acamama“ von der (wahrscheinlich) jüngeren Titulierung „Cusco“ abgelöst wurde. Mittels der Chronistenberichte kann man die Spur vorerst bis zu Manco Capac, Kulturheros und erster König der Inkadynastie, zurückverfolgen. Es existiert ein uns überliefertes Gebet des Herrschers, welches er bei Gründung der Stadt aufgesagt haben soll. Darin kommt folgende Zeile vor5 : „Das soll Cuzco sein!

Ob Manco Capac aber wirklich Namensgeber war, ist nicht eindeutig zu ermitteln. Verbrieft ist lediglich, dass Sinchi Roca, zweiter Souverän des Inkareiches, die Stadt, welche allerdings schon den Namen Cusco trug, während seiner Regierungszeit offiziell auf diesen Namen taufte. Bei Pedro de Cieza de León (1553) ist diesbezüglich im 61. Kapitel zu lesen: „…und verlieh der neuen Stadt offiziell den Namen Cuzco, den sie bereits trug.“ [19]


Abb. 05: Titelblatt der ersten Ausgabe der „Comentarios reales de los Incas“ von Garcilaso de la Vega aus dem Jahre 1609. Ihm haben wir die Bezeichnung „Nabel der Welt“ zu verdanken.
Einen Beleg gegen die Namensgebung durch Manco Capac ist den Schriften Sarmiento de Gamboas (1572) im Kapitel über die Ankunft der ersten legendären Inka in Cusco zu entnehmen6 : „…que en la lengua antigua deste valle se llama Cozco…“ (…“das in der alten Sprache dieses Tales Cozco heißt…“)

Bei Juan de Betanzos (1551) kann man nachlesen7 : „Al cual pueblo llaman los moradores del desde su antigüedad Cuzco…“ („Welches Dorf die Bewohner seit alters her Cuzco nennen…“)

Dem stehen die Aussagen von Poma de Ayala (1615) und Martín de Murúa (1616) gegenüber. Diese beiden Chronisten schildern, daß die Inka bei Ankunft einen Ort namens „Acamama“ antrafen. Bestünde somit die Möglichkeit, dass es zwei Ortschaften gab? Fernerhin, daß Manco Capac zwar keinen neuen Namen für die angetroffen Siedlungen ersann, sich aber für einen der beiden Namen, nämlich für Cusco, als Benennung für die zukünftige Hauptstadt der Inka entschied?

Seit wann diese beiden Namen in Gebrauch waren, und welcher von ihnen primär auftauchte, kann mit den vorhandenen Daten aus den Chroniken der Eroberungs- und Kolonialzeit nicht nachvollzogen werden. Selbst der Zeitpunkt der Ankunft des mythischen Manco Capac, ergo das Datum der Gründung Cuscos, ist nach wie vor umstritten und keineswegs als gesichert anzusehen. In der Altamerikanistik hat man sich auf das erstaunlich späte Datum (um)1200 n. Chr. geeinigt. [20, 21] Doch erst ab der Zeit des Inkas Pachacutec (Machtergreifung um 1438 n. Chr., Beginn des späten Horizontes) kann die Inkachronologie ziemlich sicher fixiert werden.

Alles zuvor Stattgefundene, so ein namhafter Gelehrter, „wird man weiterhin dem Reich der Legende zuweisen müssen.“ [22]

Allein für die sagenumwobene Epoche des “Stammvaters“ Manco Capac liegen divergierende Angaben von bis zu 5700 Jahren (!) vor, nimmt man sämtliche uns vorliegenden Berichte der Conquista genau unter die Lupe8 .

Widmen wir uns nunmehr den Forschungen einiger moderner Forscher ab Beginn des XX. Jahrhunderts hinsichtlich der Übersetzung von Cusco:


Abb. 06: Historisches Bild des zweiten Inkas Sinchi Roca. Er verlieh der Stadt offiziell den Namen Cusco, den sie allerdings bereits trug (Zeichnung nach Fray Martín de Murúa, 1616).
Die beiden Kenner der altperuanischen Kulturen Heinrich Cunow und Fernand Salentiny übersetzten den Namen der Stadt mit „flach, eben, die Ebene“. [11, 12]

José Uriel Garcia, ein führender peruanischer Intellektueller seiner Zeit, führt in seinem Werke „La ciudad de los Incas“ die Übersetzung des Quechuaexperten Dr. José Angel Escalante an, die besagt, daß Cusco von Ccjascco hergeleitet worden ist, was mit „Brust“ und „Herz“ zu deuten sei, im Sinne von „Herz des Reiches“. [24]

Die Version des schwedischen Amerikanisten Karsten Rafael lautet „Haufen von Erdklümpchen oder Steinen“. [13]

Der peruanische Archäologe Dr. Vargas fand eine weitere Herleitung: „Quisco Sinchi“. Dies war nach dem Cusqueño Dr. Vargas der legendäre Anführer des Volkes der Antasayac. Ferner hält er die Übersetzung „Stein der Besitznahme“ für möglich. [10]

Berthold Riese, Professor für Altamerikanistik und Ethnologie an der Universität Bonn, bietet folgende Erklärung an: „Das indianische Wort Qusqu bedeutet u.a. «ausgetrocknetes Flußbett» und könnte damit also die Landschaft beschreiben in der sie sesshaft wurden.“ [22]

Der aus der peruanischen Andenstadt Huancayo stammende Linguist Rodolfo Cerrón-Palomino kommt in einem Aufsatz nach mehreren Seiten Herleitung zu der seiner Meinung nach einzig sinnvollen Übersetzung: „La piedra, donde se posó la lechuza“, also „Stein, wo sich die Eule ausruhte“. [25] Seine sachkundige Analyse ist eine der bislang profundesten Arbeiten zum Thema, stellenweise jedoch schwer nachvollziehbar und daher an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt.

Zu guter Letzt sei noch die Übersetzung eines Freundes aus Cusco aufgeführt, dessen Muttersprache das Runasimi ist. Er teilte mir kürzlich in Weinlaune mit, daß Qosqo in der Umgangssprache auch als Wort für „Freude“ angewandt wird.

Eine eindeutige, endgültige Interpretation ist bisher noch in weiter Ferne. Es sollte aber aufgezeigt werden, dass die leider so oft herangezogene Variante „Nabel der Welt“ zumindest als anfechtbar anzusehen ist. Es bleibt abzuwarten, inwieweit zukünftige Untersuchungen neue Erkenntnisse zur Vorgeschichte des alten andinen Wortes Cusco und damit einhergehend auch weitere Erkenntnisse über die frühe Geschichte dieser Stadt ans Licht bringen werden.

© Januar 2010, Marco Alhelm (überarbeitet im Februar 2017)


Anmerkungen:

¹ Cusco (Cuzco) ist die hispanisierte Form des Quechua-Wortes Qosqo/Qusqu. Darüber, welche Form nun korrekt ist, gibt es tatsächlich ausnehmende Diskussionen, die man beispielsweise in ausführlicher Darlegung bei Rodolfo Cerrón-Palomino (Cusco: la piedra donde se posó la lechuza. Historia de un nombre. Lexis XXX. 2006, S. 143-184) nachlesen kann.

² siehe Anmerkung 24, S. 131 in: Maria Rostworowski: Estructuras andinas del poder. Lima 1983

³ Man beachtete die auffällige Verwandtschaft der Vokabel „Acamama“ mit weiteren präinkaischen Bezeichnungen von Monumenten und Territorien: Akhapana (Pyramidenbau in den Ruinen zu Tiahuanaco, Bolivien); Atacama (Wüste in Chile); Acacana (ein heiliger in Berg nahe Loja, Ecuador); Acabana (So nannten die Küstenindianer Perus zur Zeit der Conquista die Osterinsel[T. Heyerdahl: Seite 190 in: Wege übers Meer. München 1980.]); Assapana (Insel im Orinocostrom. Nach Walter Raleigh: Seite 128 in: Gold aus Guyana. 1595/Stuttgart-Wien 1988.); Carapana (Name eines Königs in der Provinz von Emeria, Orinocogebiet. Nach Walter Raleigh: Seite 95 in: Gold aus Guyana. 1595/Stuttgart-Wien 1988.). Vermutlich besteht auch ein Zusammenhang mit dem ursprünglich aus dem Aymara stammenden Terminus für das andine Kreuz: Jach’akh’ana (jakakana), im Quechua Chacana (Stufe, Treppe, Kreuz, Kreuzung, Totensänfte, Gerüst. Siehe der Aufsatz >Die Chacana-Mauer nahe des Pilcocaina-Palastes auf der heiligen Insel Titikaka<, publiziert auf dieser Internetseite in der Rubrik Reiseberichte).

4 siehe Seite 93 in: Jorge Miranda-Luizaga: Das Sonnentor. München 1985.

5 Siehe Seite 170 in: Dr. Kurt Kauter: Perú. Costa-sierra-montaña. Rudolstadt 1976.

6 Siehe Seite 128 in: Sarmiento de Gamboa: Historia de los Incas. 1572/Buenos Aires 1942.

7 Siehe Seite 17 in: Juan de Betanzos: Suma y Narración de los Incas. 1551/Cusco 1999.

8 Die Angaben über den Beginn der Inkadynastie weichen voneinander beträchtlich ab. Ohne zu sehr auf Einzelheiten einzugehen, seien hier nur drei Beispiele in zeitlicher Abfolge wiedergegeben: Die Gründung von Cusco durch Piura Pacari Manco fand nach Fernando de Montesinos im Jahre 4500 v. Chr. statt. [3] Sarmiento de Gamboa legt die Anfänge in das Jahr 565 n. Chr. [17]Und nach dem Chronisten Antonio Vásquez de Espinosa tauchte Manco Capac im Jahre 1031 n. Chr. auf. [18] Dem Leser seien folgende Elaborate zum weiteren Studium der Thematik empfohlen: Luis E. Valcárcel: Historia del Perú antiguo a través de la fuente escrita. 6 Bände. Lima 1984; Edmundo Guillén Guillén: Ensayos de Historia Andina. 2 Bände. Lima 2005.