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Groben Turismo S.R.L. | Reisen zu den Ursprüngen.

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Ein bemerkenswertes archäologisches Objekt aus Cusco
Von Marco Alhelm

In Hinsicht auf das Thema der Gesteinserweichung im alten Peru hat mir kürzlich ein Anthropologe in der peruanischen Andenstadt Cusco ein interessantes Fundstück aus seiner Privatsammlung vorgelegt: Es handelt sich um ein nur ein paar Zentimeter messendes Objekt aus Silber (Abb. 01), dessen Fundort in einem der Steinbrüche von Sacsayhuaman zu verorten ist (Der genaue Ort ist uns bekannt, wird aber an dieser Stelle nicht publiziert, um Huaqueros (Grabräuber) fernzuhalten). Es erinnert an eine Nadel, möglicherweise zur Befestigung von Bekleidungsaccesoires, deren Kopf die Darstellung eines legendären andinen Vogels (Hak´Ajllu wird er in Peru genannt, eine Andenspechtart, wie mir der Anthropologe und auch ein Archäologe vor Ort mitteilten. Das Volk der Aymara nennt ihn Yarakaka) ziert, jenes legendären andinen Vogels, der in der Lage sein soll, mit Hilfe einer Pflanze seine Nester in hartes Gestein zu bauen.


Abb. 01: Dieser Felsen in Sacsayhuaman wirkt, als wäre seine Oberfläche einst plastifiziert gewesen.

Dies haben bereits im letzten Jahrhundert Forschungsreisende wie Hiram Bingham oder P. H. Fawcett erwähnt. Bei Fawcett kann man unter anderem nachstehende Zeilen lesen:

„Man erzählte mir, sie hätten ihre Steine mittels einer Flüssigkeit ineinandergefügt, welche die zusammenzusetzenden Flächen bis zur Konsistenz des Lehms aufweichte“ [1]

Hiram Bingham war diese mysteriöse Flüssigkeit auch bekannt, wie einem seiner frühen Werke zu entnehmen ist:

„One of the favorite stories is that the Incas knew of a plant whose juices rendered the surface of a block so soft that the marvellous fitting was accomplished by rubbing the stones together for a few moments with this magical plant juice!“ [2]


Abb. 02: Der silberne Fund mit der Vogeldarstellung aus einem der Steinbrüche von Sacsayhuaman.

Diese Geschichte wird sogar noch in heutiger Zeit in den Anden erzählt, wie der peruanische Forscher Carlos Fernández-Baca Tupuayachi in seinem Buche (El otro Saqsaywamán) schildert. [3]

In der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts beschäftigte sich der Geistliche und fleißige Erforscher der altandinen Kulturen, Jorge A. Lira aus Cusco, mit den geheimnisumwobenen Pflanzen. Nach eigenen Aussagen konnte er nach vielen Jahren der Forschung und unzähligen Experimenten mit verschiedenen Pflanzen sogar erste Erfolge verzeichnen. Leider ging sein gesamtes Wissen um den Andenvogel und die Pflanzen mit seinem Ableben im Jahre 1984 verloren. [4]

Nach Durchstöbern meiner Bibliothek fand ich dann noch eine altperuanische Überlieferung über den mythischen Vogel in einem der älteren Bücher der renommierten peruanischen Journalistin und Schrifstellerein Alfonsina Barrionuevo:

"Sie versichern, daß der Hak´Aqllu, ein Vogel, der in steinigen Gegenden lebt und in fernen Zeiten die Sprache der Menschen verstand, den Namen der wunderbaren Pflanzen gehört hat. Da er sehr geschwätzig war, schnitten ihm die Götter die Zunge aus dem Hals, um ihn so zu ewigem Schweigen zu verdammen. Seine Nachfahren haben eine rote Feder auf dem Kopf, die die Zunge ihres kuriosen Vorfahren, dem ersten Hak´Aqllu, ist. Dieser hatte keine Zeit, um das Geheimnis um die Pflanze an die Menschen weiterzugeben, jedoch übermittelte er dieses Wissen an seine Söhne, diese wiederum an ihre und so ging es über Generationen hinweg. Der Hak´Aqllu steht im Ruf, mit Hilfe des Saftes einiger Pflanzen Löcher in Felsen zu bohren, um seine Nester darin zu bauen." [5]

Soweit die informative Überlieferung.


Abb. 03: Chuspiyoc, ca. 3 km von Sacsayhuaman entfernt. Die Herstellung und insbesondere der Zweck dieser Bearbeitungen im gewachsenen Felsen bleiben rätselhaft.

Ich bin der Ansicht, daß dieses filigrane Silberobjekt, überdies ausgerechnet in einem Steinbruch aufgefunden, aus dem man die Steine für die Polygonalmauern extrahiert hat, ein gewichtiges Indiz für die Authentizität dieser alten Andenlegende darstellt.


Abb. 04: Weitere "angeschmolzene" Steine in der Ruinenstätte Sacsayhuaman.



Abb. 05: Weitere "angeschmolzene" Steine in der Ruinenstätte Sacsayhuaman.



Abb. 06: Diese in der Nähe des El Rodadero in Sacsayhuaman liegenden Felsen innerhalb von Polygonalmauern sind besonders eindrucksvolle Beispiele dafür, daß hier die alten Peruaner in der Lage waren, Gestein mit uns unbekannten Hilfsmitteln in einen weichen Zustand zu versetzen.



Abb. 07: Sogenannte "piedras pocitos" in den Ruinen von Wari bei Ayacucho in Peru. Die Löcher scheinen in den erweichten Stein hereingedrückt zu sein.



Abb. 08: "Angeschmolzener" Stein nahe der aus Polygonalmauern errichteten Pyramidenkonstruktion in Vilcashuamán bei Ayacucho, Peru.


(©) Marco Alhelm, Juni 2016

Die Wolfgangslegende:

In puncto der mysteriösen Steinerschmelzung möchte ich eine interessante Parallele aus dem mitteleuropäischen Sagenkreis vorstellen: Die Legende um den Heiligen Wolfgang (924-994), der gegen Ende des ersten Milleniums zahlreiche bemerkenswerte Taten und Wunder vollbracht haben soll.
Für unsere Betrachtung sind die von ihm vollbrachten Steinwunder von Wichtigkeit. Die Wolfgangslegende kennt nämlich mehrere Erwähnungen von Gesteinserweichungen.

Ich gebe diesbezüglich einen Passus aus dem wundersamen Leben des Wolfgang wieder (Hervorhebung durch den Autor):

„Als St. Wolfgang sich nicht mehr verborgen genug glaubte, stieg er vom Falkensteine herab, eine andere Stätte zum Aufenthalt sich zu suchen, und er wollte den gegenüberliegenden Berg besteigen, als – wie die Legende erzählt – der Teufel versuchte, dem rastlosen, segensreichen Wirken des heiligen Einsiedlers Einhalt zu thun. Er bewegte beide Berge mit großer Gewalt, so daß sie krachten und übereinander zu stürzen drohten. Wolfgang rief den Schutz Gottes an, breitete die Arme kreuzweise aus und stemmte sich gegen die nächstliegende Felsenwand, so daß der Stein die Eindrücke seines Hauptes und seiner Hände wunderbar aufnahm. Die Berge hielten still, und ungefährdet gelangte der Heilige zur Höhe.“ [7]

Neben dieser der Wiedergabe würdigen Passage gibt es ein weiteres Geschehnis, das uns sogar auf frühen Bilder erhalten geblieben ist (man begutachte Abb. 09 und 10 und vergleiche diese mit dem Stein aus Ayacucho (Abb. 07)). Dieses mirakulöse Ereignis der Gesteinserweichung fand statt, als Wolfgang nach einem verschlafenem Gottesdienst zur Buße und Selbstbestrafung Hände und Füße gegen einen Felsen stieß, den Gott dann weich wie Butter werden ließ.

Ob diese Überlieferung lediglich als Erklärungsversuch für die möglicherweise bereits vorhandenen Eindrücke im Felsen erfunden wurde – uralte Schalensteine ähnlicher Art kommen schließlich weltweit, insbesondere jedoch in Mitteleuropa und Südamerika vor [8, 9] -, kann man sicherlich nicht einfach verwerfen. Dennoch halte ich die Wolfgangslegende für immens wichtig und man sollte sich ihrer im Hinblick auf die Steinwunder vielleicht nochmals annehmen. Ich könnte mir auch vorstellen, daß tatsächlich die Felsen durch den Heiligen Wolfgang durch uns unbekannte Mittel zum Erweichen gebracht wurden und alleinig das himmlische Wirken Gottes und andere religiöse Zierate später hinzugefügt wurden. Sei dem wie ihm möge, ich werde jedenfalls die Orte der Überlieferung aufsuchen und die Recherche fortsetzen.


Abb. 09: "Das Steinwunder. Historische Illustration dieses rätselumwobenen Ereignisses aus der Wolfsganglegende. Holzschnitt aus dem Jahre 1515



Abb. 10: "Weitere historische Darstellung der Steinerweichung in der Wolfsganglegende aus dem 18. Jahrhundert.



Abb. 11: Klassische Polygonalmauern in den Ruinen von Sacsayhuman. Kam hier der enigmatische Pflanzensaft zum Einsatz?



Abb. 12: Schönes Beispiel der polygonalen Baukunst in Huchuy Qosqo bei Calca.